Vincas Grybas

Notate zu Leben und Werk

von Rasa Grybaitė

übersetzt von Roland Begenat

Im alten Park von Jurbarkas stehen noch einige Gebäude – Verwaltung, Schmiede, Sauna – des verlassenen Gutshofes von Herzog I. Vasilchiikov als im Herbst 1928 Vincas Grybas, der Pionier monumentaler Bildhauerei und einer der besten Künstler Litauens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eintrifft, um hier zu leben und zu arbeiten.

Vincas Grybas wurde am 3. Oktober 1890 in dem Dörfchen Pelenai der Pfarrei Lukšiai im Bezirk Šakiai geboren. Seine Eltern Jurgis Grybas und Marijona Grybienė waren vorbildliche und arbeitsame Landwirte, die sechs Kinder großzogen. Vincas war das jüngste. Sein erster Lehrer war der Vater, der ihn Russisch und Litauisch lesen lehrte. Vincas‘ Mutter war eine begabte Weberin. In der Familie wird überliefert, dass Grybas sein künstlerisches Talent von seiner Mutter vererbt wurde.

Im Alter von sechs Jahren trat Vincas in die Grundschule von Lukšiai ein. Diese berühmte Schule wurde 1839 von dem Pädagogen, Schriftsteller und Priester Antanas Tatarė (1805 – 1889) gegründet.

Vincas verbrachte seine Kindheit im Land der Bücherschmuggler. (1865 wurden vom russischen Gouverneur das lateinische Alphabet und der Druck litauischer Bücher und Zeitschriften verboten. Die Knygešiai – etwa: Bücherträger – übernahmen die gefahrvolle Aufgabe in Kleinlitauen (Ostpreußen) in litauischer Sprache gedruckte Bücher und Zeitschriften über die Grenze nach Litauen zu schmuggeln. Erst 1904 wurde dieses Verbot aufgehoben.)

Nach zweijährigem Schulbesuch und erfolgreichem Abschluss verließ Vincas die Schule, und weil ein weiterführender Schulbesuch nicht möglich war, arbeitete er als Hirte. Während dieser Zeit formte er Figuren aus Ton, den er bei seiner Weidearbeit fand, und mit einem Messer, das er zu diesem Zweck von seiner Tante bekam, schnitzte er Skulpturen aus Holz. Die glücklichsten Tage verbrachte er in der Kirche, wo er sich in Skulpturen und andere Kunstwerke vertiefen konnte.

Zu verschiedenen Anlässen verschenkte er seine geschnitzten Figuren an Nachbarn, Verwandte und Besucher. Seine gestalterischen Fähigkeiten beeindruckten viele Menschen.

Auf einer seiner Reisen durch das Land wurde der Gutsbesitzer von Zypliai, Graf Tomas Potocki (gest. 1913) auf den schnitzenden Viehhirten aufmerksam und lud Vincas mit seinem Vater auf sein Gut ein. Nachdem er sich genauer mit den Arbeiten von Vincas vertraut gemacht hatte, versprach er, den Jungen bei weiteren Studien zu unterstützen. So kam der 14jährige Vincas im Jahr 1904 nach Warschau in den Palast des Herzogs Woronecki, eines Verwandten des Grafen Potocki. Die Herzogin verbot ihrem Zögling mit Bediensteten und einfachen Leuten zu sprechen und erwartete, dass er Polnisch und gutes Benehmen lerne. Intrigen, Luxus und Müßiggang irritierten den jungen Grybas und er fühlte sich unwohl in dieser ihm ungewohnten Umgebung.

1908 begann Vincas Grybas eine Lehre in der Bildhauerwerkstatt des akademischen Künstlers Pius Welonski. Dort lernte er auch den Bildhauer Petras Rimša kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Rimšas Werke waren Inspiration für Grybas und Rimša seinerseits nahm lebhaften Anteil an der Entwicklung des jungen Künstlers Vincas Grybas.

Aus dieser Warschauer Zeit sind die von Vincas geschaffenen Büsten seiner Mutter und seines Vaters erhalten.

Seine Diplomarbeit „Kampf“ (1914) wurde mit einem ersten Preis ausgezeichnet. Von einer Fortsetzung seiner Studien konnte er aber nicht einmal träumen. Mit Beginn des 1. Weltkriegs wurde er als Sanitäter in ein Frontlazarett der zaristischen Armee verpflichtet.

Nach dem Zusammenbruch der zaristischen Armee sammelten sich litauische Offiziere und Soldaten an der Westfront in Komitees und bildeten eine unabhängige litauische militärische Organisation. Grybas wurde zur Anwerbung litauischer Soldaten an die Westfront abgeordnet und geriet in deutsche Gefangenschaft, aus der er nach zwei Monaten entfliehen konnte. 1918 erreichte er zu Fuß seine Heimat.

Von 1918 – 22 war Grybas in politischen und öffentlichen Ämtern aktiv. In der Gemeinde Lukšiai wurde er in den Bezirksrat gewählt, ab 1920 war er Vorsitzender des Kreisrats von Šakiai. 1921 begann er jedoch über seinen Rückzug aus der Politik nachzudenken, um sich wieder seinen künstlerischen Neigungen zu widmen. Er wollte Kunst in München studieren, aber sein Antrag auf ein Stipendium wurde abschlägig beschieden.

Vincas Grybas war populär, hatte Charme, war ein guter Redner und sprach mehrere Fremdsprachen. Deshalb wurde er 1922 in die litauische Genossenschaftsvereinigung berufen und leitete dort die Import-Export-Abteilung. Seine Sehnsucht nach künstlerischer Arbeit konnte Grybas in diesen langen Jahren nicht stillen, und so schrieb er sich 1923 in der Kunstakademie Kaunas ein. Die Akademie erkannte seine Warschauer Studien an und er wurde in ein höheres Semester eingestuft. Anfänglich war er der einzige Student der Bildhauerei, später stieß noch Robertas Antinis, ein Schüler von Kajetonas Sklėrius hinzu.

1924/25 schuf Grybas zwei dekorative Pegasus-Skulpturen, die die Gartenpforte des Staatstheaters und den Eingang der Kunstakademie schmücken sollten. In Gips entworfen, fehlte Grybas aber die Zeit, die Skulpturen an den vorgesehenen Plätzen endgültig in Zement auszuführen.

1925 wurde Vincas Grybas durch einen Beschluss des zuständigen Ministeriums für ein Jahr zu weiterführenden Studien nach Frankreich entsandt.

Er ging nach Paris, der damaligen Hauptstadt der künstlerischen Welt. Junge Talente aus der ganzen Welt waren hier versammelt. Einer der anerkanntesten Bildhauer jener Zeit war Emile Antoine Bourdelle. Grybas‘ Phantasie wurde durch die formale Kraft von Bourdelles monumentalen Arbeiten entzündet. Er zögerte nicht, in die Academie de la Grand Chaumiere einzutreten, die zu Anfang des 20 Jahrhunderts von Bourdelle gegründet worden war. Es war ein private Kunstschule, an der sich Schüler aus der ganzen Welt zusammenfanden: Amerikaner, Briten, Deutsche, Rumänen, Russen, Letten u. v. a. Grybas war der erste Litauer an dieser Schule.

Burdelles Überzeugung war, dass ein Bildhauer zuallererst Architekt zu sein hat, um sein Werk korrekt zu entwerfen, dann auch Maler, um die Lichtverhältnisse bestimmen zu können, aber auch Juwelier, um die Details perfekt zu schneiden. Das Bild aber war ihm der Schlüssel zu allen bildenden Künsten.

Das Leben in Paris war nicht einfach, und obwohl Grybas sehr sparsam lebte, litt er ständig an Geldnot.

In Paris studierte er nicht nur Bildhauerei, er beschäftigte sich auch mit Keramik am Konservatorium für Kunstgewerbe und besuchte künstlerische Klassen an der Sorbonne. Eine gute Schule waren ihm auch die zahlreichen Museen der Stadt, in denen er viel Zeit verbrachte.

Nach drei Jahren machte er seinen Abschluss bei Bourdelle und nach anschließenden Reisen durch Frankreich, Italien, die Schweiz, die Tschechische Republik und Deutschland kehrte er im Sommer 1928 nach Litauen zurück.

Nach seiner erfolgreichen Qualifikation in Frankreich war er voller Enthusiasmus, seiner Heimat einen ähnlichen Rang durch seine künstlerische Arbeit zu verschaffen, der dem Frankreichs, Italiens oder Deutschlands ebenbürtig war.

Zurück an der Akademie in Kaunas hoffte er auf eine berufliche Anerkennung seiner neuerworbenen Qualifikation, aber auf Grund der veränderten politischen Lage und seiner ihm nun negativ zugerechneten früheren politischen Aktivitäten wurde ihm kein angemessener Rang in der Fakultät zuerkannt. Das Angebot, seine ehemalige Position in der Gießerei wieder einzunehmen, demütigte ihn. Die Hoffnung, als akademischer Lehrer in Kaunas zu unterrichten, hinter sich lassend, begann er mit seiner ganzen Kraft ein Leben als freier Künstler.

Schnell erhielt er einige Aufträge. In Papilė sollte ein Monument für S. Daukantas entstehen. Desweiteren ergab sich die Aufgabe einen Sarkophag für den Großherzog von Litauen, Vytautas, zu schaffen. Dringend benötigte er für diese Arbeiten ein Atelier. Da es nicht möglich war, wie Rimša vorgeschlagen hatte, entsprechende Räumlichkeiten in Kaunas zu finden, kam Grybas im Herbst 1928  nach Jurbarkas und übernahm die verlassenen Gebäude des ehemaligen Gutes von Vasiliichov. Hier richtete er sich Wohnung und Atelier ein und blieb bis zu seinem Lebensende.

Als Litauen 1918 seine Unabhängigkeit erklärte, wurden patriotische Gefühle gestärkt und der natürliche Wunsch erwachte, die eigenen Helden in Monumenten zu verewigen. Unglücklicherweise war Litauen nach dem langen Krieg deutlich geschwächt und staatliche Gelder für den Bau von Monumenten nicht vorhanden. Aus diesem Grund wurden Komitees gebildet, die dafür Zuwendungen sammelten, Ausschreibungen veranstalteten und für die Erfordernisse der Künstler warben.

Aus der überlieferten Korrespondenz mit Auftraggebern geht hervor, dass billige Lösungen für Monumente gefragt waren. Der Bildhauer war vornehmlich mit Materialfragen und Lieferkosten beschäftigt.

Vincas Grybas‘ Ausbildung zum Architekten und Bildhauer bot beste Voraussetzungen für die künstlerische Einheit monumentaler Skulpturen. Sie sind integraler Bestandteil des Raumes. Sein Ziel war es, eine organische Einheit von Skulptur und Raum zu erreichen, verstanden als lebendige Einheit von Strukturen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstanden wurden.

Das erste Denkmal wurde von Vincas Grybas 1928 für Simonas Daukantas entworfen und 1930 in Papilė realisiert. Zur selben Zeit entwarf Grybas den Sarkophag für Großherzog Vytautas.

1930 war ein Gedenkjahr für Vytautas den Großen. Die Vytautas-Stiftung wurde gegründet und ein nationales Komitee hatte in allen Städten Abteilungen.

Grybas hatte den Auftrag für ein Vytautas-Denkmal in Jurbarkas erhalten. Der Bildhauer schuf das Porträt eines energiegeladenen und selbstbewussten Mannes, der positiv in Litauens Zukunft blickt. Im selben Jahr erfolgte die Ausschreibung für ein Vytautas-Denkmal in Kaunas. 1932 wurde dieses Monument als erste Bronzeguss-Skulptur in Litauen von Vincas Grybas ausgeführt.

1931 beschloss die Bezirksverwaltung von Raseiniai ein Denkmal für die litauische Unabhängigkeit in Auftrag zu geben. 1934 wurde das Žemaitis-Denkmal in Erinnerung an die große Vergangenheit Samogetiens und an das besondere Verhältnis von Mensch und Heimat in Raseiniai von Grybas ausgeführt.

Eine Gesellschaft in Šakiai-Neustadt beauftragte Grybas ebenfalls damit, ein Unabhängigkeitsdenkmal zu entwerfen. Grybas schlug ein Denkmal für Vincas Kurdika, den Verfasser der litauischen Nationalhymne, vor. Das Denkmal wurde 1934 enthüllt. Dieses Denkmal spielte im Leben von Vincas Grybas eine entscheidende Rolle. Existentielle finanzielle Probleme und Schulden waren die Folge dieses Auftrags und führten dazu, dass der Bildhauer keine weiteren Monumente mehr schaffen wollte. Ohne Mittel, um Arbeitskräfte einzustellen, wäre Grybas gezwungen gewesen, alle handwerklichen und körperlichen Arbeiten selbst zu verrichten. Sein Assistent P. Mikutaitis hatte ihn aus Unzufriedenheit über zu geringe Verdienste verlassen.

Die Tatsache, dass ihn das Ministerium für Bildung nicht bei dem Kauf seines Wohnhauses und Ateliers unterstützte, deprimierten Grybas. Für seine Monumentalkunst benötigte er große und helle Räume. So entschloss er sich, künftig in der Lehre eine neue Existenzform zu finden. Zu diesem Zweck bereitete er mit dem Ingenieur Felikas Vizbaras ein Studio-Projekt für Skulpturen vor. Der Holzkauf für die aufwendige Konstruktion dieses Projekts erschöpften die Ressourcen von Grybas. Als er daraufhin die Miete für seine Räume nicht mehr aufbringen konnte, wurde sein Besitz beschlagnahmt und öffentlich versteigert.

1936 wurde Grybas eingeladen, einen großen Altar für die Kirche in Sintautai zu schaffen. Der Bildhauer begann das Werk mit großer Inspiration. Es wurde ein eindrucksvoller Altar mit Anleihen an den in Litauen weit verbreiteten Barockstil. Dieser Altar in Sintautai war sein letztes vollendetes Werk, sein Schwanengesang.

Viele Aufträge hatte Vincas Grybas erhalten. Nicht alle konnten auch realisiert werden, vorwiegend aus finanziellen Gründen.

In seinem provinziellen Dasein hatte Grybas nur wenige Freunde. Gelegentlich fuhr er nach Kaunas, um befreundete Künstler zu treffen: Šlapelis,Kalpokac, Zikaras, Žmuidzinavičius, Galdikas, Pukinas,Buračas, Antinis,Mikėnas und sehr oft Petras Rimša. Er lud auch alle nach Jurbarkas ein.

Der Alltag von Vincas Grybas war hart und anstrengend. Lange lebte er einsam. Erst mit 46 Jahren heiratete er die zwölf Jahre jüngere Kunigunda. Ihren kleinen Sohn Gediminas liebten sie sehr, aber unglücklicherweise konnte Vincas Grybas seinen Sohn nicht aufwachsen sehen. Vincas Grybas wurde ermordet, als sein Sohn drei Jahre alt war.

Der gewaltsame Tod des Monumentalbildhauers ist eines der großen Rätsel im kulturellen Leben Litauens. Der Künstler, der ausdrucksvolle, patriotische Monumente geschaffen hat, wird wie ein Staatsfeind in der Blüte seiner kreativen Kraft getötet – ohne Gerichtsverfahren und verlässliche Beweise. Auch die Deutschen waren perplex, als sie herausfanden, wen sie im Zuge einer Massenhinrichtung erschossen hatten. Ungeklärt ist bis heute, wie Vincas Grybas auf die Namenslisten kam, die von der lokalen Bevölkerung willfährig an die Deutschen für deren Ausrottungspolitik übergeben wurden. Lange schon lag Grybas‘ Beteiligung am politischen Leben Litauens zurück, und so traf ihn sein tragisches Schicksal unvorbereitet.

Am 3. Juli 1941 wurde er gemeinsam mit einer großen Anzahl vorwiegend jüdischer Mitbürger in Jurbarkas zum Opfer des völkermordenden deutschen Faschismus.

Atelier V. Grybas

Atelier V. Grybas

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