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Anmerkungen zum diesjährigen Workshop in Litauen

Die Region, in der dieser Workshop stattfinden wird, das Memelland, ein Teil von Kleinlitauen (im Deutschen überwiegend Preußisch-Litauen, im 20. Jahrhundert vereinzelt Deutsch-Litauen, litauisch Mažoji Lietuva oder Prūsų Lietuva) genannt, ist durch die lange Zeit, in der Litauen eine Sowjetrepublik war, unserem Bewusstsein entrückt und findet nur zaghaft zurück. Obwohl es vielfältig mit unserer deutschen Geschichte – und nicht nur der jüngeren des 20. Jahrhunderts – verbunden ist. Eine der Denkwürdigkeiten dieser kulturell über Jahrhunderte deutsch geprägten Region ist es, dass sich in ihr die litauische Schriftsprache konstituieren konnte. Die meist zweisprachigen preußischen Litauer bezeichneten sich selbst als Lietuwininkai („Litauer“), selbst wenn sie Deutsche waren. Litauisch, die älteste noch gesprochene indoeuropäische Sprache, war in der wechselvollen Geschichte dieses Landes vielfach vom Aussterben bedroht, und dass sie heute als Sprache einer Nation lebendig ist, hat auch mit dieser ehemals mehrsprachigen und multiethnischen Region Memelland zu tun. Das Buch „Paradiesstraße“ der Dokumentarfilmerin Ulla Lachauer ist ein anrührendes und kluges Zeugnis dieser verschwindenden Kultur.

In etwa so groß wie Irland und ähnlich dünn besiedelt, ist Litauen ein Land der stillen Schönheit. Unspektakulär, der höchste „Berg“ ist in der Nähe von Vilnius und 294 m hoch. Stille, leicht hügelige und völlig unberührte Landstriche, waldig, mit sehr vielen Seen und Flüssen, hineingetupft die bäuerlichen Dörfer mit ihren kleinen Holzhäusern, prägen bis heute das Gesicht des Memelgebiets. Und die Litauer lieben ihre Natur. Es ist schön wie im Wald, sagen sie, wenn sie sich wohlfühlen.

Nemunas

Nemunas / Memel

In solch einer verwunschenen, abgelegenen Region ist das Überleben naturgemäß nicht leicht. Der kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung findet in den wenigen städtischen Zentren (Vilnius, Kaunas, Klaipėda) statt.

Mit dem Kunststudio und ihrer regen Ausstellungstätigkeit im Vincas-Grybas-Museum haben Rasa Grybaitė und Gabija Viduolytė Jurbarkas in über 10jähriger mühevoller Aufbauarbeit das Memelgebiet ein wenig näher an die kulturellen Zentren Litauens gerückt. Mit dem Workshop soll ein Anfang gemacht werden, die Basis dieser unter schwierigen ökonomischen Bedingungen geleisteten Arbeit weiter zu verbessern. Die typisch westeuropäische Arroganz, der die Litauer leider immer noch allzu oft begegnen müssen, würde dies als „Entwicklungshilfe“ verstehen. Kooperation ist aber der weit bessere Begriff, denn der achtsame Besucher und Gast wird binnen kurzem merken, dass er mindestens soviel nimmt, als er zu geben vermag.

Eine Kultur kennen zu lernen, die aus anderen Quellen gespeist wird als die unsere, und da, wo sie aus gleichen Quellen schöpft, andere Mischungsverhältnisse entstehen, kann auch neue Wege für die eigene Kunst bedeuten. Gewiss ein Wagnis, aber die immer gleichen ausgetretenen Pfade zu beschreiten, führt zu einer Erschöpfungskunst, die wir hierzulande immer häufiger zu sehen bekommen.

Vier als Lehrende aktive und ausübende Künstlerinnen betreuen sowohl kunstliebende Amateure als auch professionell arbeitende Künstler. Fragen des künstlerischen Handwerks (was ich will, muss ich auch können) – in den beiden angebotenen Bereichen – haben dieselbe Bedeutung, wie Sinn und Form (was kann ich wollen?). 

ehem. Wohnhaus Grybas, Verwaltung + Ausstellung

Jurbarkas, ehem. Wohnhaus Grybas, Museumsverwaltung + Ausstellung

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