Beweggründe

1997, am 28. Juni, die erste Reise nach Litauen. Eine Tante auf der Suche nach Vergangenem hat um Begleitung nachgesucht. Also diese Reise in ein Land, das bis dahin nicht zur inneren Topographie gehörte. Flug von Frankfurt am Main nach Palanga. Ankunft am späten Nachmittag auf einem einsamen Flughafen im Niemandsland. Zu Fuß über die Weiten des Rollfelds zum frisch renovierten Abfertigungsgebäude. Noch ist ein Visum für die Einreise nötig. Die „Ostpreußen“ werden auf Schildern freundlich in ihrer Muttersprache empfangen, notiert mein Reisetagebuch von 1997. Auch den abgegriffenen Satz, dass hier die Zeit wohl stehengeblieben sei. Die einfachen Holzhäuser der bäuerlichen Dörfer, eine Kuh, die ein Bauer auf dem Mittelstreifen der schwach befahrenen Autobahn an einer Kette entlangführte, waren wohl der Anlass zu diesem Eintrag.

Wohnung nehmen wir im alten Kantorat der lutherischen Kirche in Skirsnemunė an der Memel (Nemunas ist ihr litauischer Name). Mein Urgroßvater war Kantor und Lehrer in Skirsnemunė und lebte mit seiner Familie von 1924 bis 1931 im Kantorat. Meine Großmutter, die Geschichtenerzählerin meiner Kindheit, verbrachte hier ihre Jugend.

Nach einem dreitägigen Ausflug in den Kaliningrader Oblast (die ostpreußische Tante ist in ihrem Blick nach hinten gefangen, sucht eine Vergangenheit, von der nur noch vereinzelte Spuren in einer bedrückenden Gegenwart, in Armut und Verfall der Dörfer zu finden sind) die Rückkehr nach Litauen und am 4 Juli der erste Besuch im Vincas-Grybas-Gedächtnismuseum in Jurbarkas. Eine litauische Bekannte aus Skirsnemunė führte uns hin. Die Erinnerung daran ist nur noch schwach. Damals noch von dem Museumsdirektor Gediminas Grybas, dem Sohn von Vincas Grybas, als selbständiges Museum geleitet. Nach seinem frühen Tod 2002 wurde das Museum als eine Abteilung des Heimatmuseums vom Kreis Jurbarkas übernommen. Die Enkelin Rasa Grybaitė war nach Abschluss ihres Studiums an der Kunstakademie in Vilnius in die Heimatstadt zurückgekehrt und nahm das Angebot, das Museum gemeinsam mit ihrer Studienkollegin Gabija Viduolytė zu leiten, ohne zu zögern an. Das alles habe ich allerdings erst viel später erfahren.

Für lange Jahre hatte das Leben andere Pläne, aber Litauen war zur wichtigen Seelenlandschaft geworden.

2009 dann die nächste Reise ins Memelland: am 4. August von Stuttgart nach Palanga, umsteigen in Kopenhagen. Das Abfertigungsgebäude ist erheblich erweitert und modernisiert worden. Ein Bus holt uns vom Flugzeug ab und rollt uns gemächlich die wenigen Meter über den kleinen Flughafen. Eine rührende Geste des Fortschritts.

Nostalgie wäre Veränderungen zu beklagen, weil sie liebgewordene Erinnerungsbilder verstören. Um Palanga macht sich Touristennepp breit, war so eine gefühlte Nostalgie, auch weil der Wiederkommende in seiner ersten ablehnenden Reaktion dabei nicht mitfühlt, wie nötig Lebensverbesserungen für die Einheimischen sind. Was davon trägt, und was Irrwege sind, steht dem flüchtigen Gast zu beurteilen nicht zu.

An der Memel/Nemunas dann wieder dieses rätselvolle Gefühl angekommen zu sein.

Am 6. August der zweite Besuch im Vincas-Grybas-Museum in Jurbarkas. Die Enkelin spricht ein klang- und ausdrucksvolles, von ihrer Muttersprache geprägtes Englisch, nimmt sich Zeit, und ich erfahre zum ersten Mal vom gewaltsamen Tod ihres Großvaters am 3. Juli 1941. Meine geistesungegenwärtige Frage, wer denn dafür verantwortlich gewesen sei und ihre nüchterne Antwort auf diese Frage eines Deutschen markieren den Beginn einer ernsthaften Beschäftigung mit dem, was diese europäische Region ausmacht: Sprachen, Geschichten, Ereignisse, Denk- und Holzwege, Erlittenes in Fülle, Verse und Gesang, Texte; eine Kultur, deren vielfältige Zuflüsse erst in die innere Geographie eingezeichnet werden müssen, bevor der Prozess sukzessiven Verstehens beginnen kann. Die Peinlichkeit eines unbedachten Augenblicks und die sich nahtlos anschließende anhaltende Scham initiieren einen sich unmerklich ändernden Weg.

Einen Weg der umstürzend ins Bewusstsein dringenden Herkunft aus einer fremdem Vergangenheit – weit über 200 Jahre bis in den Herbst 1944 belebten die Vorfahren diese Region als selbstverständlich mehrsprachige Familien, in denen das Deutsche, poetisch angereichert vom Litauischen, Jiddischen und auch Polnischen, immer die Haussprache geblieben war – in eine verwirrend neue Gegenwart.

(wird fortgesetzt …)

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